Es sieht niedlich aus, wenn eine Katze die andere innig ableckt, und man schaut gerne dabei zu, wie die kleine rosa Zunge energisch über das Fell der anderen Katze streicht. Frühere Studien brachten das gegenseitige Putzen vor allem mit sozialer Verbundenheit in Zusammenhang.

Doch immer wieder beobachte ich auch bei meinen eigenen Katzen, dass beim Putzen in bestimmten Situationen zunehmend Anspannung entsteht und die Begegnung nicht selten mit Fauchen oder Streit endet.

Wie passt das zusammen? Und was verrät das gegenseitige Putzen tatsächlich über die Beziehung deiner Katzen?

In diesem Artikel zeige ich dir, warum der Kontext entscheidend ist – und woran du erkennst, was gerade zwischen deinen Katzen passiert.

Bei Katzen, die sozial eng miteinander verbunden sind, gehört das gegenseitige Putzen zu den freundlichen – sogenannten affiliativen – Verhaltensweisen. Ähnlich wie beim Aneinanderreiben suchen die Katzen dabei freiwillig die Nähe und den Körperkontakt zur anderen Katze.

Typisch für entspanntes Allogrooming ist, dass beide Katzen eine lockere, häufig ähnliche Körperhaltung einnehmen. Sie sitzen oder liegen entspannt beieinander und suchen auch nach dem Putzen weiterhin die Nähe der anderen, beispielsweise indem sie aneinandergekuschelt liegen bleiben.

In diesem Video kuscheln meine beiden Katzenmädchen Meggie und Ruby im Liegen miteinander und putzen sich zärtlich – erst ist Meggie dran, dann Ruby.

Auch wenn auf das Putzen anschließend ein Biss oder eine Balgerei folgt, muss das übrigens nicht bedeuten, dass zwischen den Katzen ein Konflikt besteht. Entspanntes Allogrooming kann auch in gemeinsames Spiel übergehen.

Bei Meggie und Ruby beobachte ich das besonders dann, wenn die ausgiebige Kuschelrunde offenbar beendet ist und beide wieder aktiver werden. Aus dem gegenseitigen Putzen entwickelt sich dann eine Balgerei, an der sich beide beteiligen.

Ruby und Meggie balgen nach einer Kuscheleinheit

Gegenseitiges Putzen findet nicht nur zwischen entspannten Katzen statt. Es kann auch in Situationen auftreten, in denen zwischen den Katzen bereits Anspannung herrscht. Dann sieht die gesamte Interaktion häufig anders aus als beim entspannten Allogrooming.

👀Achte beispielsweise auf folgende Signale:

  • einer asymmetrischen Körperhaltung, etwa wenn eine Katze sich über die andere beugt
  • nach hinten gedrehten Ohren
  • Anzeichen von Unbehagen oder Anspannung wie Lippenlecken oder Kopfschütteln
  • Abwehrverhalten wie Schlagen oder Beißen

Wichtig ist dabei auch die Reaktion der Katze, die geputzt wird: Bleibt sie entspannt liegen und sucht den Kontakt zur anderen Katze? Oder wird ihr Körper zunehmend angespannt, dreht sie den Kopf weg, wehrt die andere Katze ab oder verlässt schließlich den Platz?

Auch bei Meggie und Ruby läuft nicht jede Putzaktion entspannt ab. Meistens reicht mir ein kurzer Blick auf die Situation, um zu wissen: Gleich wird’s ungemütlich.

Bei meinen eigenen Katzen ist das gegenseitige Putzen mittlerweile sogar zu einer Art Frühwarnsystem geworden. Wenn eine von beiden Schmerzen hat oder sich körperlich nicht wohlfühlt, verändert sich häufig ihre Reaktion auf das Putzen.

Statt der üblichen ausgiebigen Putzaktion gibt es dann beispielsweise nur wenige kurze Leckbewegungen, bevor die andere mit der Pfote schlägt, faucht oder sich zurückzieht.

Deshalb achte ich besonders darauf, wenn sich das vertraute Putzverhalten meiner Katzen plötzlich verändert. Reagiert eine von ihnen ungewohnt gereizt auf Berührungen oder Körperkontakt, schaue ich genauer hin: Ist sie gerade nur genervt oder angespannt – oder könnte körperliches Unwohlsein beziehungsweise Schmerz dahinterstecken?

In diesem Video siehst du, wie Ruby die Putzversuche Meggies zuerst annimmt und dann genervt abwehrt, als Meggie sie beißt. Meggie wirkt in dieser Situation auf mich unausgelastet. Von Ruby weiß ich, dass sie aufgrund ihrer Muskelschmerzen berührungsempfindlich ist – möglicherweise wird ihr Meggies Putzen deshalb schneller zu viel. Auch hier hilft also der Kontext, die Reaktion der beiden Katzen besser einzuordnen.

Neben solchen Veränderungen im gewohnten Verhalten lohnt sich ein genauer Blick auf die Körperhaltung beider Katzen.

 Bei uns sieht das oft so aus: Ruby streckt sich auf dem Boden aus, Meggie sitzt daneben, beugt sich über sie und beginnt zu putzen. Ruby bleibt zunächst liegen und wehrt das Putzen nicht ab, doch häufig endet diese Szene damit, dass Ruby meckert und weggeht

Mir fällt auf, dass dieses Verhalten fast immer zur gleichen Tageszeit auftaucht, nämlich am späten Nachmittag, kurz vor unserer Trainingsrunde mit dem Clicker. Ich vermute deshalb, dass Hunger und Frustration darüber, dass ich immer noch nicht in die Puschen komme, bei Meggie eine Rolle spielen und ihre Anspannung in diesen Situationen erhöhen.

Anspannung beim Putzen mündet in einer Balgerei

Es lohnt sich deshalb immer, nicht nur die Putzsituation selbst zu beobachten, sondern auch zu fragen: Was ist unmittelbar davor passiert – und in welcher Stimmung befinden sich die beiden Katzen?

Vielleicht kennst du diese Situation: Deine Katzen putzen sich scheinbar friedlich – und plötzlich beißt eine zu, schlägt mit der Pfote oder es entsteht eine handfeste Balgerei.

Das wirkt für uns Menschen widersprüchlich. Tatsächlich kann der gleiche Ablauf aber ganz unterschiedliche Bedeutungen haben. Entscheidend ist, wie die Interaktion begonnen hat, welche Körpersprache beide Katzen währenddessen zeigen und was nach dem Beißen passiert.

Grob lassen sich drei Situationen unterscheiden:

1. Aus Putzen wird Spiel:
Beide Katzen waren zuvor entspannt und das gegenseitige Putzen geht in eine Balgerei über, an der sich beide freiwillig beteiligen. Dann muss der Biss kein Zeichen eines Konflikts sein.

2. Einer Katze wird der Kontakt zu viel:
Eine Katze genießt oder toleriert das Putzen zunächst, beginnt dann aber, sich abzuwenden oder die andere Katze abzuwehren. Ein Biss oder Pfotenschlag kann in diesem Fall die Interaktion beenden.

3. Schon während des Putzens besteht Anspannung:
Die Körperhaltungen sind beispielsweise asymmetrisch, eine Katze beugt sich über die andere oder es zeigen sich weitere Anzeichen von Anspannung. Das anschließende Beißen oder Schlagen entsteht dann nicht plötzlich aus einer harmonischen Situation, sondern ist Teil einer bereits angespannten Interaktion.

Nicht jeder Biss während des gegenseitigen Putzens bedeutet, dass die Situation eskaliert.

Im ersten Video siehst du meine Katze Meggie, die Ruby in die Halsfalte beißt und festhält, während sie versucht, sie weiter abzulecken. Die Szene sieht ziemlich heftig aus: Meggie hält Ruby einige Sekunden fest, während Ruby stillhält.

Um die Situation einzuschätzen, lohnt sich deshalb ein Blick darauf, was anschließend passiert.

Ruby bleibt sich nach der Interaktion liegen und gähnt, was ihr hilft, sich wieder zu regulieren. Meggie wirkt anschließend entspannt und beginnt, sich ausgiebig selbst zu putzen. Es folgen weder Flucht noch Verfolgung oder anhaltendes Meideverhalten.

Der Biss allein würde also ein völlig falsches Bild vermitteln. Erst der gesamte Verlauf der Interaktion zeigt, dass zwischen den beiden kein anhaltender Konflikt entstanden ist.

Kurz gesagt: Zwischen meinen Katzenmädchen ist danach alles wieder gut💕.

Putzen unter Spannung hat nicht immer denselben Zweck. Manchmal lässt sich eine Katze putzen, um die Putzende zu beruhigen und eine Eskalation zu verhindern. Frei nach dem Motto: Besser, sie leckt mich ab als mich zu vermöbeln!

Das kommt vor allem bei den Katzen vor, die sich gegenseitig nur tolerieren, aber keine innige Verbindung zueinander haben.

Manchmal wird das Putzen auch zum leisen Werkzeug, um einen Konflikt zu lösen, ohne dass er offen ausbricht.

Mehrkatzenhaushalt, Katzen streiten

Warum wird es zwischen deinen Katzen einfach nicht entspannter?

Hol dir den kostenlosen Ratgeber und versteh endlich, was wirklich hinter dem Streit steckt.

Fünf Fehler, die gut gemeint sind — und die Situation trotzdem verschlimmern. Wahrscheinlich kennst du einige davon bereits. Vielleicht hast du sie selbst schon angewendet, ohne zu wissen, was sie bei deinen Katzen auslösen.

Ein solches Muster beobachte ich auch bei Meggie und Ruby. Ruby liegt beispielsweise auf einem begehrten Sonnenplatz, als Meggie dazukommt und beginnt, sie zu putzen. Das Putzen wird zunehmend gröber, schließlich geht Ruby weg – und Meggie legt sich auf den frei gewordenen Platz.

Wenn sich solche Abläufe immer wieder in vergleichbarer Weise beobachten lassen, spricht einiges dafür, dass das Putzen hier eine andere Funktion erfüllt als beim entspannten sozialen Allogrooming: Die andere Katze wird regelrecht „weggeputzt“.

Das lässt sich besonders an begehrten Ressourcen wie Fenster- oder Sonnenplätzen beobachten: Eine Katze nähert sich der anderen, beginnt sie zu putzen, die Interaktion wird zunehmend unangenehm, bis die andere Katze den Platz verlässt. Anschließend übernimmt die putzende Katze den frei gewordenen Platz.

Entscheidend ist auch hier das wiederkehrende Muster der gesamten Interaktion: Wer nähert sich wem? Wer beendet die Begegnung? Und was passiert unmittelbar danach?

Wie schön, wenn der Sonnenplatz groß genug ist, damit beide Katzen sich dort ausstrecken können💕.

Warum Katzen auch in angespannten Situationen mit Allogrooming beginnen, ist noch nicht abschließend geklärt. Eine mögliche Erklärung ist, dass das Putzen dazu beitragen kann, eine direkte Auseinandersetzung zu vermeiden oder soziale Spannung zu regulieren.

Auch in der aktuellen Studie diskutieren die Forschenden, ob Allogrooming in solchen Situationen unter anderem eine beschwichtigende oder agonistische Funktion haben könnte.

Das bedeutet allerdings nicht, dass eine Katze bewusst denkt: „Ich putze dich jetzt lieber, damit wir uns nicht streiten.“ Welche Motivation hinter dem Verhalten steckt, können wir nicht wissen. Beobachten können wir nur, in welchem sozialen Kontext das Putzen auftritt und wie die Interaktion anschließend weitergeht.

Beim gegenseitigen Putzen sind die Rollen nicht immer gleich verteilt. Manche Katzen übernehmen bevorzugt den aktiven Part und putzen ihre Partnerkatze, andere lassen sich lieber putzen oder fordern das Putzen sogar ein.

In der Verhaltensmedizin unterscheidet man zwischen epimeletischem Verhalten, also dem aktiven Putzen einer anderen Katze, und etepimeletischem Verhalten, bei dem eine Katze das Putzen empfängt oder einfordert.

Die Veterinär-Verhaltensmedizinerin Sabine Schroll führt diese unterschiedlichen Rollen im Allogrooming (in ihrem Buch „Mehrkatzenhaushalt, 2022) vor allem auf individuelle Vorlieben und die Persönlichkeit der Katzen zurück und nicht auf eine hierarchische Ordnung. Die Rollen können durchaus wechseln – manche Katzen zeigen jedoch eine deutliche Vorliebe für den aktiven oder passiven Part.

Bei meinen Katzen ist diese Vorliebe gut zu beobachten: Meggie übernimmt fast immer die aktive Rolle und beginnt Ruby zu putzen. Ruby lässt sich dagegen wesentlich häufiger putzen, als dass sie selbst aktiv wird. Erst wenn Meggie aufgehört hat, sie zu putzen, kommt Ruby zum Zug.

Für das Zusammenleben ist nicht entscheidend, dass sich beide Katzen gleich häufig gegenseitig putzen. Eine Katze kann bevorzugt die aktive Rolle übernehmen, während die andere sich gerne putzen lässt – und beide können damit wunderbar zurechtkommen.

Interessant wird es, wenn die individuellen Vorlieben nicht gut zusammenpassen. Möchten beispielsweise beide Katzen bevorzugt die aktive Rolle beim Putzen übernehmen und lässt sich keine von beiden gerne länger putzen, kann aus der Putzsituation schneller eine Auseinandersetzung entstehen.

Ähnliches gilt, wenn eine Katze häufig Körperkontakt sucht, während die andere ein deutlich geringeres Bedürfnis danach hat. Weicht sie immer wieder aus, dreht den Kopf weg, faucht oder zieht sich zurück, sollte die kontaktfreudigere Katze diese Signale respektieren können. Falls sie dies nicht kann, entsteht Frust, der die Beziehung belasten kann.

Immer wieder liest man, die Katze, die eine andere putzt und dabei festhält, sei die „dominante“ oder ranghöhere Katze. Diese Schlussfolgerung halte ich für falsch.

Katzen leben normalerweise nicht in einer starren Hierarchie, in der eine Katze grundsätzlich über einer anderen steht. Welche Katze beispielsweise einen begehrten Liegeplatz bekommt, wer einer anderen ausweicht oder wer eine Interaktion beendet, kann je nach Situation und Ressource unterschiedlich sein.

Unter besonderen Bedingungen können sich durchaus Hierarchien entwickeln – etwa wenn viele Katzen auf engem Raum zusammenleben und einander nicht ausweichen können, wie es beispielsweise in Tierheimen vorkommen kann. Das sollte jedoch nicht mit einer grundsätzlich vorhandenen Rangordnung im normalen sozialen Zusammenleben von Katzen verwechselt werden.

Dass eine Katze häufiger die aktive Rolle beim gegenseitigen Putzen übernimmt, macht sie deshalb nicht zur „Chefin“ der anderen Katze. Um die Beziehung zweier Katzen zu beurteilen, müssen wir ihr gesamtes Sozialverhalten betrachten – und nicht nur, wer wen putzt.

Lies dazu auch Alphatier und Rangordnung bei Katzen – gibt es das?

Die Autoren der Studie betonen, dass weitere Forschung nötig ist, um die unterschiedlichen Funktionen des Allogroomings besser zu verstehen. Für den Katzenalltag lässt sich aber schon jetzt eine wichtige Botschaft mitnehmen:

Gegenseitiges Putzen allein sagt noch nichts darüber aus, ob zwei Katzen wirklich harmonieren. Erst der Kontext gibt die Antwort.

Schau deshalb nicht nur darauf, ob deine Katzen sich gegenseitig putzen, sondern wie die gesamte Interaktion aussieht: Suchen beide freiwillig die Nähe der anderen? Sind ihre Körperhaltungen entspannt? Kann jede Katze den Kontakt problemlos beenden? Und was passiert unmittelbar vor und nach dem Putzen?

Achte dabei auch auf das Verhalten deiner Katzen außerhalb dieser Situationen. Liegen sie entspannt beieinander, reiben sie sich aneinander oder suchen sie freiwillig den Kontakt? Oder weicht immer dieselbe Katze aus, wird angestarrt, an Engstellen blockiert oder von begehrten Plätzen verdrängt?

Auch Veränderungen im gewohnten Putzverhalten können interessant sein. Reagiert eine Katze plötzlich anders auf Berührungen oder weist ihre Katzenfreundin häufiger ab als sonst, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Neben Veränderungen in ihrer Beziehung können auch Anspannung, unerfüllte Bedürfnisse oder körperliches Unwohlsein eine Rolle spielen.

Das gegenseitige Putzen ist deshalb ein Puzzleteil im sozialen Miteinander deiner Katzen. Je besser du ihre Körpersprache, den situativen Kontext und wiederkehrende Muster beobachtest, desto besser kannst du einschätzen, was tatsächlich zwischen ihnen passiert.

Wie hilfreich war dieser Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung 5 / 5. Anzahl Bewertungen: 1

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.