An einer Katze schätzen wir genau das, was sie so deutlich vom Hund unterscheidet: ihre Selbstständigkeit, ihre Autonomie.

Während der Hund stark auf den Menschen bezogen und von ihm abhängig ist, entscheidet eine Katze ganz gern selbst, was sie tut und wohin sie geht. Mit anderen Worten: Unsere Katzen möchten Kontrolle über ihr eigenes Leben. Das ist kein Eigensinn, den man ihnen abgewöhnen müsste – es ist ein tiefes, artspezifisches Bedürfnis.

Und genau dieses Bedürfnis übergehen wir im Alltag leichter, als uns lieb ist.

Denn Katzen mussten sich gerade in den letzten Jahren, mit zunehmender reiner Wohnungshaltung, sehr schnell an ein Leben anpassen, das ihnen viele Einschränkungen auferlegt – meiner Erfahrung nach oft zu schnell.

Ein Tier, das in seiner Natur das eigene Revier kontrolliert, seinen Jagd- und Schlafrhythmus selbst bestimmt und die Nähe zu Artgenossen frei reguliert, lebt plötzlich in einem Raum, in dem fast alles der Mensch festlegt: wann gefressen wird, wo geschlafen wird, wer als Mitbewohner einzieht. Und diese Fremdbestimmung macht anfällig – für Verhaltensauffälligkeiten ebenso wie für körperliche Erkrankungen.

Warum Kontrolle über Stress entscheidet

Wenn Katzen ihr Leben selbst kontrollieren können, haben sie deutlich weniger Stress.

Der bekannte Zoologe Udo Gansloßer formuliert es in seinem Werk: „Verhaltensbiologie der Hauskatze“ so:

Ein Tier, das den Eindruck hat, seine Umgebung noch kontrollieren, seine Situation selbst beeinflussen und damit den potentiellen Gefahren und anderen Schwierigkeiten entgehen zu können, ist in der Regel wenig anfällig für stressbedingte Erkrankungen.“

Auf den Punkt gebracht heißt das: Wer das Gefühl hat, selbst steuern zu können, wird seltener krank vor Stress.

Und die häufigste stressbedingte Erkrankung kennst du vielleicht aus leidvoller eigener Erfahrung – die immer wiederkehrende Blasenentzündung. Bei vielen Katzen steckt dahinter gar kein Bakterium, sondern chronischer Stress (oft auch schmerzbedingt) , der sich auf die Blase schlägt (Fachleute sprechen von idiopathischer Zystitis). Wie du erkennst, ob deine Katze unter chronischem Stress leidet, und was dann hilft, habe ich dir in einem eigenen Beitrag zusammengestellt.

Daher gilt: Gib deinen kätzischen Mitbewohnern so viel Kontrolle und damit Selbstbestimmtheit wie möglich.

Selbstbestimmung heißt nicht „alles erlauben“

Ein Missverständnis möchte ich gleich ausräumen, weil es so naheliegt: Selbstbestimmung bedeutet nicht, alle Regeln über Bord zu werfen und die Katze einfach machen zu lassen. Das Gegenteil ist der Fall.

Echte Kontrolle entsteht für deine Katze aus zwei Zutaten zusammen: einer verlässlichen, vorhersehbaren Umgebung – und echten Wahlmöglichkeiten innerhalb dieses Rahmens.

Eine Katze, die weiß, dass ihre Ressourcen immer verfügbar sind, dass Abläufe einigermaßen berechenbar bleiben und dass niemand sie zu etwas drängt, ist entspannt – gerade weil der Rahmen stabil ist.

Sicherheit und Freiheit sind hier keine Gegensätze, sondern bedingen einander. Das ist im Kern auch der Gedanke hinter den fünf Säulen einer katzengerechten Umgebung, an denen sich gute Katzenhaltung orientiert.

Diese Entscheidungen gehören deiner Katze

Gib deiner Katze die Möglichkeit, im Alltag selbst zu wählen. Drei Prinzipien stecken hinter fast allem: mehrere Angebote, räumlich getrennt, und jederzeit frei zugänglich. Konkret heißt das, deiner Katze die Wahl zu lassen zwischen:

  • mehreren Katzentoiletten, verteilt über alle Etagen
  • mehreren Ruheplätzen in unterschiedlichen Höhen
  • mehreren Aussichtsplätzen an verschiedenen Fenstern
  • vielen attraktiven Kratzmöglichkeiten an Plätzen, die ihr wichtig sind
  • mehreren Wasserstellen an verschiedenen Orten
  • abwechslungsreichen Spiel- und Beschäftigungsangeboten

Dazu kommen zwei Entscheidungen, die besonders häufig übergangen werden:

Lass deine Katze selbst bestimmen, wann sie geschmust und gestreichelt werden möchte – und nicht umgekehrt.

Freigänger sollten, wo es geht, selbst wählen können, wann sie hinaus- oder hereinmöchten.

Und bei der vielleicht größten Entscheidung überhaupt – welchen Artgenossen wir ihnen vor die Nase setzen – sollte deine Katze mitreden dürfen, über eine ruhige, systematische Zusammenführung, die zeigt, ob der Neue wirklich ein Gewinn für die bestehende Gruppe ist.

Wie gelebte Selbstbestimmung ganz praktisch aussieht, siehst du übrigens auch beim Thema Katze und Hitze: Statt deine Katze an heißen Tagen zu „behandeln“, gibst du ihr Optionen und lässt sie selbst den kühlsten Platz wählen.

Woran du erkennst, dass deiner Katze Kontrolle fehlt

Fehlende Selbstbestimmung zeigt sich oft leise, lange bevor es zu einem echten Problem wird. Achte auf Signale wie diese:

  • häufiges Verstecken oder genereller Rückzug
  • Gereiztheit, Anspannung oder Aggression gegen Mensch oder Mitkatze
  • Unsauberkeit außerhalb der Toilette
  • übermäßiges Putzen, manchmal bis zu kahlen Stellen
  • ständige Wachsamkeit, kaum noch echtes Entspannen
  • wiederkehrende Blasenprobleme ohne klaren körperlichen Befund

Solche Verhaltensänderungen sind kein „Ungehorsam“, sondern häufig die Art deiner Katze, dir zu sagen: Ich habe gerade zu wenig Einfluss auf mein eigenes Leben.

Tauchen sie auf, lohnt sich ein zweiter Blick auf ihre Wahlmöglichkeiten – und im Zweifel ein tierärztlicher Check, um Körperliches auszuschließen.

Mein Alltag mit Ruby und Meggie

Wie wichtig Wahlfreiheit ist, sehe ich täglich bei meinen beiden.

Meggie sucht die Nähe zu mir, indem sie sich oft neben mich legt, sich vor mir auf den Boden wirft und laut schnurrt oder mich miauend zum gemeinsamen Spaziergang auffordert. Sie darf dabei selbst bestimmen, wie viel körperliche Nähe sie möchte – zu viel gestreichelt werden liegt ihr nicht und ich respektiere dies.

Beide Katzenmädchen dürfen auch selbst entscheiden, wann sie nach draußen wollen – eine Ausnahme gibt es allerdings: An Silvester bleibt die Katzenklappe abends und nachts zu. Und das klappt auch vorbildlich.

Mehr Mitbestimmung, zufriedenere Katze

Du wirst es merken: Mit zunehmender Selbstkontrolle und Mitbestimmung werden deine Katzen nicht nur entspannter, sondern auch zufriedener, gelassener und selbstbewusster. Ganz Katze eben.

Wirklich großartig ist, dass es Katzen in allen Varianten gibt. Man findet sie passend zu jeder Art der Persönlichkeit und der Laune. Aber unter dem Pelz lebt unverändert eine der freiesten Seelen der Welt.– Eric Gurney

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